... zurück zu: Denken

Körpersprache als sozialer Kitt der Gesellschaft

Eine Zivilgesellschaft ist das Produkt steter Auseinandersetzung und Formung der in ihr Lebenden. Werte, Moral, Normen, Ethik werden im Miteinander gelebt und erprobt und verändert. Die Körpersprache ist unmittelbarer Ausdruck gelebter Zivilgesellschaft. Die Sprache des Körpers spricht in Bewegungen des Mundes und der Lippen, der Wangen, Augen sowie mit der Melodie und Klangfarbe der Stimme.

Soziale Wertschätzung im gesellschaftlichen Miteinander einer Zivilgesellschaft erfolgt somit auch über Körpersprache. Social distancing bedeutet nun eine Reduzierung der Körpersprache. Ton, Melodie, Modulation, Lautstärke - all das gehört mit zur Körper-Sprache. Ebenso sind Augen, Mund, Lippenbewegungen, Wangen, Nasenflügel, Kinn wichtig für Interpretation und Verständnis dessen, was das Gegenüber will. Es ist essentieller Ausdruck von uns Menschen und die Brücke zur Innenwelt. Wir lesen in Gesichtern die Welt des Anderen.

Bilder und Metaphern

Unsere Kultur hat das in Sprachbildern festgehalten: Ich konnte in seinem Gesicht nichts lesen oder erkennen. Er verzog keine Miene. Was dachte sie, was dachte er? Doch nichts spiegelte sich in ihren Gesichtern. Poker face. Nach einer Weile begann seine Oberlippe zu zittern, die Nasenflügel bebten. Die Wangenknochen traten hervor. Ihre Augen, ja, ihr ganzes Gesicht verdunkelte sich. Der Zorn legte sich wie ein Schleier über das Gesicht. Ihre Mimik erstarrte. Die Lippen wurden schmal. Doch dann umspielte ein Lächeln seinen Mund und erhellte sein Gesicht.

Schier unendlich ist, was wir aneinander im und vom Gesicht ablesen. Stimmungen. Zugehörigkeit. Aufgenommen sein. Nähe. Menschsein.

Schutz schafft Distanz

Unser archaischer Teil des Gehirns stuft die Botschaften der Körpersprache als wahrer ein als die gesprochene Sprache. Die Körpersprache lügt nicht, heißt es im Volksmund. Und das Gehirn räumt den Körpersignalen Wahrheit vor dem gesprochenen Wort ein.

Und nun haben wir Tücher. Vermummung, was früher verboten, ist nun Pflicht, das ist auch angesichts der Gefährlichkeit des Virus richtig. Mund-Nasenschutz schützt, und sei es nur, dass es mich an Vorsicht gemahnt. Distanz entsteht. Das Stückchen Tuch vor dem Gesicht zerreißt die Nähe und schafft eine größere Distanz, als es der Abstand von 1,5 oder 2 Metern vermöchte. Weil wir nichts mehr vom Gesicht ablesen können, die Augen alleine reichen nicht, um den Kontakt vollständig herzustellen.

Das Subjekt braucht für seine Weltwahrnehmung die Spiegelung im Gegenüber. Findet das nicht statt, fehlt die soziale, die gespiegelte Kontrolle. Distanz lässt den Menschen in sich zurücksinken. Die Spiegelung fehlt. Wie geht dann Menschsein?

Damals als Kind war es einfach, wir brauchten nur die Hände vor das Gesicht zu halten: ich sehe dich nicht, also siehst du mich auch nicht. Der Andere sieht nicht mehr, was mein Gesicht spricht. Keiner vermag mehr im Gesicht zu lesen und zu deuten, was für ein Mensch ich bin und was für einen Menschen ich vor mir habe. Kontakt entsteht kaum. Social distancing ist was es sagt: Soziale Distanz. Plötzlich zeigt der Mund-Nasenschutz auf, wie dünn gewebt die Schicht der Zivilisation sein kann.

Neue Deutungsmuster

Wir werden uns andere, neue Deutungsmuster überlegen, um uns als Menschen wieder neu lesen und deuten zu lernen. Denn auch Ton und Modulation klingen hinter Mundnasenschutz dumpf und eintönig und erschweren die Deutungen, wie ein Satz gemeint sei.

Die Feinheiten und der Reichtum von Stimme und Mimik sind schier unermesslich, wie Argyle beschreibt: „Man kann mit vokalen Signalen deutlich machen, ob ein Satz spaßig, sarkastisch, als Tatsachenmitteilung, als Verdacht und dergleichen gemeint ist, aber das ist ebenso durch Mimik und andere Körperbewegungen möglich (...). Im extremen Fall wird ein Satz durch seinen Rahmen tatsächlich negiert, so daß das genaue Gegenteil mitgeteilt wird, z.B. als sarkastische Äußerung. Das wird durch einen besonderen Tonfall und besondere Mimik signalisiert." (Argyle. 2002. S.156).

Womöglich ist bereits das Plexiglas statt des Tuches eine Lösung, die Distanz einzuhalten, ohne soziale Distanz zu schaffen. Das Plexiglas-Schild vor dem Gesicht erlaubt immerhin, alle Gesichtszüge wieder lesen zu können und Nähe entstehen zu lassen.

Philosophie oder die Klassiker als Wegweiser

Es lohnt, das Studium der klassischen Philosophie und Rhetorik (wieder)aufzugreifen und sich leiten und belehren zu lassen.

Warum? Die Menschheit ist nicht verloren und die Zivilgesellschaft steht mitnichten am Abgrund, sofern wir reflektieren und auf den Stoff zurückgreifen, aus dem demokratische Zivilgesellschaften gewebt sind und Errungenschaften zu Tage gefördert haben, die heute (noch) selbstverständlich unsere Werte im Miteinander ausmachen. Und wir als vernunftbegabte Wesen erkennen, dass Abstand und Schutz in Zeiten von Corona essentielle Zutaten unserer Zivilgesellschaft sind.

Cicero hob die Philosophie als Lehrmeisterin für unsere grundlegenden Werte hervor, ohne die wir nicht zu urteilen vermöchten. „Auch können wir ohne philosophische Schulung weder Gattung und Art einer Sache erkennen noch diese definitorisch bestimmen noch sie in Teile gliedern noch überhaupt beurteilen, was wahr und was falsch ist, oder Folgerungen erkennen, Widersprüche sehen, Doppeldeutigkeiten unterscheiden." (Kytzler (ed.). Cicero. Orato. 1988. S. 16).

Für Cicero ist es die Stimme, die dem Miteinander erst Ausdruck verleiht: „Es gibt ebensoviel Stimmbewegungen als es Gemütsbewegungen gibt, und die Gemüter werden durch die Stimme stark beeinflusst." (ebd., S. 47). Und es ist der Gesichtsausdruck, der nach Cicero „nächst der Stimme die größte Wirkung besitzt" (ebd., S. 51).

Es ist nun an uns Heutigen, die sozialen Deutungsmuster unserer Werte, Moral, Normen, Ethik für ein menschliches und wertschätzendes Miteinander in Stimme und Gesichtsausdruck wieder neu zum Ausdruck zu bringen.


Verwandte Beiträge